Das Steinerne Haus in der Frankfurter Judengasse

Das 1717 von Samson Wertheimer in Auftrag gegebene Gebäude in der Frankfurter Judengasse wurde als „Steinernes Haus“ bekannt. Im historischen Plankataster trug es die Kataster-Nummer 109, in der älteren gemeindlichen Zählung die Nummer 40. Kataster
- Alte Hausnummer (Gemeindenummer vor der Neuordnung): 40
Die historische und wirtschaftliche Linie der Familie Wertheimer verbindet die Ära der europäischen Hofjuden, kaiserlichen Finanzakteure und Barock-Finanziers mit der modernen Welt globaler Luxusgüterkonzerne, Spitzenweingüter und Finanzbeteiligungen.
Historischer Ursprung und Hofjudentum (17. bis 18. Jahrhundert)
Samson Wertheimer (1658–1724) stieg als kaiserlicher Oberhoffaktor in Wien zum zentralen Kreditgeber und Finanzier auf. Seine geschäftlichen und politischen Netzwerke reichten von Wien über Frankfurt (verbunden über Heiraten mit Familien wie Kann, Rothschild und dem Bau des Steinernen Hauses) bis hin zu den deutschen Fürstentümern wie den anhaltinischen Höfen.
Von Worms nach Frankfurt – Das Umfeld der Judengasse
Worms war der Geburtsort von Samson Werheimer (1658). Die geschäftlichen und verwandtschaftlichen Relationen der Familie spiegelten sich aber in der Frankfurter Judengasse wider. Samson Wertheimer hielt enge Kontakte zu den dort ansässigen Finanz- und Gelehrtenfamilien. So war eine seiner Töchter mit dem Frankfurter Bankier Moses Löb Isaak zur Kann (aus der einflussreichen Familie Kann) verheiratet. Diese Allianz verknüpfte das Wiener Bankkapital direkt mit den Handelsstrukturen der Frankfurter Judengasse. Zudem ließ Samson Wertheimer 1717 das markante Steinerne Haus (Nummer 40) für seinen Stiefsohn errichten, um in der ansonsten von brandgefährdeten Fachwerkhäusern geprägten Gasse ein massives, repräsentatives Gebäude zu etablieren.
Transformation im 19. und 20. Jahrhundert
Nach dem Ende des Alten Reiches wandelte sich die Rolle der Familie von klassischen höfischen Kreditgebern zu industriellen und unternehmerischen Akteuren in ganz Europa. Ein Zweig migrierte im 19. Jahrhundert von Elsass nach Paris, wo Ernest Wertheimer die Kosmetikfirma Bourjois übernahm.
Globale Investments – Vermögen ca. 80 bis 90 Milliarden US-Dollar
Die Enkel Ernest Wertheimers, die Brüder Alain und Gérard Wertheimer, führen bis heute als Alleineigentümer das weltbekannte Pariser Luxus- und Modeunternehmen Chanel. Die Struktur geht auf einen historischen Vertrag aus dem Jahr 1924 zurück, bei dem die Familie das Kapital und die industrielle Distribution für Coco Chanels Parfums bereitstellte.
JurteForbes-Milliardärsliste: Das Vermögen von Alain Wertheimer sowie das seines Bruders Gérard Wertheimer wird von Forbes mit jeweils rund 39,4 Milliarden US-Dollar beziffert (Gesamtvermögen der beiden Brüder ca. 78,8 Milliarden US-Dollar). Bloomberg Billionaires Index: Analysen von Bloomberg bezifferten das gesamte Familienvermögen der Wertheimers zeitweise auf ca. 80 bis 90 Milliarden US-Dollar, womit sie zu den vermögendsten Familien weltweit zählen.
Über ihr verschwiegenes Family Office Mousse Partners managen die Wertheimers heute Milliardeninvestments, Immobilien und weltweite Beteiligungen. Dazu gehören unter anderem Spitzenweingüter im französischen Bordeaux (wie Château Canon in Saint-Émilion und Château Rauzan-Ségla in Margaux) sowie strategische Beteiligungen an internationalen Luxus- und Finanzstrukturen, womit sich der historische Kreis zum europäischen Banken- und Investitionswesen schließt.
Die Bordeaux-Weingüter
Die Familie besitzt traditionsreiche Spitzenweingüter wie das geschichtsträchtige Château Canon (in Saint-Émilion) sowie das berühmte Château Rauzan-Ségla (in Margaux), die für ihre extrem hohen Qualitätsstandards und strengen Selektionsprozesse („Schnabelmarke“-Präzision) weltbekannt sind.
Internationale Beteiligungen
Strategische Beteiligungen an traditionsreichen europäischen Finanzinstituten, wie etwa Anteile an der französischen Investmentbank Rothschild & Co, womit sich der historische Kreis zum europäischen Bankenwesen schließt.
Familiäre Verbindung mit Rothschilds
Ein zentraler Wendepunkt in der internationalen Vernetzung des Hauses Wertheimstein war die Heirat von Rózsika Edle von Wertheimstein mit Nathaniel Charles Rothschild am 6. Februar 1907 in Wien.
Nathaniel Charles Rothschild gehörte dem englischen Zweig der Rothschild-Familie an, deren Zentrum in London lag. Durch diese Eheschließung entstand eine unmittelbare familiäre Verbindung zwischen dem mitteleuropäischen Netzwerk der Wertheimsteins und der in Großbritannien etablierten Rothschild-Dynastie.
Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor. Besonders bedeutend waren Miriam Rothschild, die später als britische Zoologin und Entomologin hervortrat, sowie Victor Rothschild, 3. Baron Rothschild, der eine besondere Stellung in der britischen Wissenschafts-, Politik- und Geheimdienstgeschichte einnahm.
Damit verlagerte sich ein Teil des familiären Netzwerks dauerhaft in das britische Umfeld. Die Verbindung nach England war nun nicht mehr lediglich eine Geschäfts- oder Gesellschaftsbeziehung, sondern wurde über die nächste Generation zu einer dauerhaften familiären Präsenz in Großbritannien.
In der folgenden Generation verdichteten sich die Verbindungen zwischen Familie, Wissenschaft, Finanzwelt, Politik und britischem Establishment. Insbesondere Victor Rothschild steht für diese Entwicklung. Als Mitglied des britischen Hochadels und Wissenschaftler bewegte er sich in Kreisen, die weit über das traditionelle Bankwesen hinausgingen. Während des Zweiten Weltkriegs war er zudem mit britischen Sicherheits- und Geheimdienststrukturen verbunden.
Geheimdienstliche Verbindungen
Die wichtigste Figur ist hier Victor Rothschild. Seine Tätigkeit im britischen Sicherheitsapparat zeigt, dass das über die Ehe von Rózsika von Wertheimstein entstandene Familiennetzwerk in der folgenden Generation auch Personen umfasste, die Zugang zu den politischen und sicherheitsrelevanten Eliten Großbritanniens hatten.
Damit sollte die Geschichte als mehrstufige Entwicklung verstanden werden: Heirat → transnationales Familiennetzwerk → Nachkommenschaft → politische und gesellschaftliche Eliten → Geheimdienstkontakte → Politik → Regierung
Herkunft des Namens Wertheimer
Der Name Wertheimer ist ein Herkunftsname (ein sogenannter Habitationsname). Er leitet sich von der Stadt Wertheim am Main (im heutigen Baden-Württemberg) ab.
Die Vorfahren der Bankiersfamilie (zu der unter anderem der Wiener Hoffaktor Samson Wertheimer gehörte) zogen von Wertheim aus nach Worms, bevor sich ihr Lebensmittelpunkt im späten 17. Jahrhundert nach Wien und in andere europäische Städte verlegte. Nach dem damaligen Brauch erhielten beziehungsweise wählten Familien bei Wohnortwechseln oft den Namen ihrer Ursprungsstadt als Nachnamen, weshalb die Nachkommen nach der Stadt ihrer Wurzeln „Wertheimer“ (also „jemand aus Wertheim“) genannt wurden.
Familie Anhalt – Linien Anhalt-Dessau, Anhalt-Bernburg und Anhalt-Köthen
In Wien stieg Samson Wertheimer (1658–1724) durch die Protektion von Samuel Oppenheimer (Heiratsallianz zw. Wertheiner und Oppenheimer) zum kaiserlichen Oberhoffaktor auf. Er fungierte als zentraler Kreditgeber, Kriegslieferant und Finanzverwalter des Wiener Kaiserhofs. Seine herausragende Stellung erlaubte es ihm, ein weitreichendes Netzwerk zu spannen, das weit über die Grenzen Österreichs hinausreichte.
Die Relationen zum Haus Anhalt
Neben den großen europäischen Mächten bedienten sich im 18. Jahrhundert auch zahlreiche deutsche Territorialstaaten der Dienste jüdischer Finanzagenten. Zu diesem Kreis zählten im Rahmen der Hoffinanz- und Territorialstrukturen auch die anhaltinischen Fürstentümer (darunter die Linien Anhalt-Dessau, Anhalt-Bernburg und Anhalt-Köthen).
Finanzintermediation: Die Wertheimers agierten als Kreditgeber, Wechselmakler und Liquiditätsbeschaffer für diverse deutsche Fürstenhöfe. Da die kleinen Höfe in Anhalt ihren repräsentativen Bau- und Hofhaltungsaufwand sowie militärische Verpflichtungen oft nicht aus den eigenen Steuereinkünften bestreiten konnten, griffen sie auf das länderübergreifende Kreditnetzwerk der großen Wiener und Frankfurter Bankiersfamilien wie Wertheimer zurück.
Wirtschaftlicher Austausch: Über Handelsbeziehungen, Anleihenzeichnungen und die Vermittlung von Wechseln waren die Wertheimers wirtschaftlich mit den anhaltinischen Territorien verknüpft, wodurch die regionale Wirtschaftspolitik Anhalts an den großen europäischen Finanzmarkt angebunden wurde.
Die Relation zwischen den Wertheimers und Fürstentümern wie Anhalt basierte auf einem System gegenseitiger Abhängigkeit:
Unternehmerisches Risiko: Die Hoffaktoren blieben freie Unternehmer, deren Kapital stets bedroht war, falls ein Fürst illiquide wurde oder Zahlungsversprechen nicht einlöste.
Politischer Schutz: Im Gegenzug für ihre Kreditvergaben erhielten die Bankiers Privilegien, Schutzbriefe und den Status von Hofagenten, die ihnen diplomatischen Handlungsspielraum und persönliche Sicherheit innerhalb des Heiligen Römischen Reiches garantierten.
Durch diese Kombination aus Wormser Herkunft, Wiener Machtbasis, Frankfurter Verwandtschaftsnetzwerken und grenzüberschreitenden Finanzbeziehungen zu Höfen wie Anhalt prägten die Wertheimers die Wirtschaftsgeschichte der Frühen Neuzeit nachhaltig.
Prägende Orte und Zahlen: Bezirke 3 und 5 – Symbol: Drache
Im 17. und 18. Jahrhundert agierte Samson Wertheimer als bedeutender kaiserlicher Hoffaktor in Wien. Er stand im engen wirtschaftlichen Austausch mit dem Wiener Kaiserhof, finanzierte militärische und politische Operationen und diente als wichtiger Kreditgeber und Geschäftsvermittler für zahlreiche deutsche Fürstentümer – darunter auch die anhaltinischen Höfe.
Vom Drachen zu den Bezirken 3 und 5

In Wien ist das bekannteste Beispiel für ein Wappen mit einem Drachen das historische Wappen des ehemaligen Vorortes (heute Bezirksteil) Margareten (5. Bezirk). Es zeigt die Heilige Margareta von Antiochia, die auf einem Drachen steht oder ihn durch das Kreuzzeichen bezwingt.
Die Nachfahren dieser Wirtschaftsdynastien verlagerten im 19. Jahrhundert im Zuge der Industrialisierung und der liberalen Reformen unter Kaiser Franz Joseph ihren Schwerpunkt nach Wien und in andere europäische Metropolen. In Wien spiegelt sich diese Blütezeit in den prachtvollen Bezirken wider: Während der 3. Bezirk (Landstraße) durch seine Nähe zur Ringstraße zum Standort palastartiger Residenzen und großbürgerlicher Kultur wurde, prägten Stiftungen, Fabriken und soziale Infrastrukturen die angrenzenden Vorstädte wie den 5. Bezirk (Margareten). Viele dieser Familien wurden wegen ihrer Verdienste um den Staat in den österreichischen Ritter- oder Freiherrenstand erhoben (wie beispielsweise die Familie von Wertheimstein).
Die Zahlen 5 und 3
5. Bezirk (Margareten):
In Wien ist das bekannteste Beispiel für ein Wappen mit einem Drachen das historische Wappen des ehemaligen Vorortes (heute Bezirksteil) Margareten (5. Bezirk), der an den 3. Bezirk, die Landstraße, angrenzt.
3. Bezirks (Landstraße):
Interessanterweise grenzt der 5. Bezirk, Margareten, in Wien übrigens direkt an den 3. Bezirk, die Landstraße.
Das Wappen des 3. Bezirks (Landstraße) in Wien ist in drei Teile unterteilt und verbindet die Geschichte der drei ehemaligen Vorstädte, aus denen der Bezirk im Jahr 1850 gebildet wurde: Landstraße, Erdberg und Weißgerber.

Drei historische Ortsteile: Das gesamte Wappen ist dreigeteilt und repräsentiert exakt drei historische Vorstädte: Landstraße, Erdberg mit einer Erdbeere und Weißgerber mit zwei springenden Böcken.
Verbindung zu Kasachstan: TOVA Foundation
Togzhan Wertheimer (geborene Togzhan Isbazarova) stammt aus Kasachstan. Sie ist Mitgründerin der TOVA Foundation, einer Non-Profit-Organisation zur Förderung zeitgenössischer Kunst und Kultur aus Kasachstan mit Sitz in Genf.
Durch ihre Heirat mit David Wertheimer, ist sie Teil des erweiterten familiären Umfelds der Dynastie. Die Hochzeit des Paares fand im März 2016 in Gstaad in der Schweiz statt. Neben ihrem kulturellen Engagement im Rahmen der TOVA Foundation tritt sie regelmäßig im Umfeld internationaler Veranstaltungen und Wohltätigkeitsgalas in der Schweiz auf.
